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Dampf in der
Von Alfred Luft
Die heutige Ukraine 603000 km2 und hat eine Bevolkerung von rund 5,2 Millionen. Sie ist damit etwas dunner besiedelt als Osterreich mit seinem ungleich hoheren Anteil an alpinem Odland. Der Kollaps der Sowjetunion zu Ende der achtziger Jahre mundete zwar 1991 in die allgemein begruBte Unabhangigkeit, brachte aber dem Volk eher eine Minderung des Lebensstandards. Die Misere hat eine Reihe von ineinander verzahnten Ursachen und Ruckwirkungen, die zu analysieren nicht Aufgabe dieses Artikels sein kann. Eine Auswirkung ist jedenfalls der Riickgang des Guterverkehrs um rund die Halfte. Beklagenswert ist auch der Zustand der Landwirtschaft. Hat man den Nahbereich der Stadte mit seinen Industrie-ruinen hinter sich, verfolgt einen Kilometer fur Kilometer das traurige Bild brachliegender Felder in diesem von Geografiebuchern stets als Kornkammer titulierten Land. Die riesigen, flachen, rationell zu bearbeitenden Felder, besonders die beruhmten Schwarzerdeboden, konnten bei sorgsamer, nach-haltiger Bewirtschaftung vermutlich halb Europa mit Grundnahrungsmitteln ver-sorgen. Dem Bahnreisenden bietet sich jedoch der traurige Anblick von verrosteten Gleisen, die zu verfallenen Lagerhausern fuhren. Der ostliche Teil des Landes gehorte lange Zeit zum Zarenreich, wahrend im Westen die Grenzen besonders rasch wechselten. Polen, Osterreich (Kronlander und Bukowina), Rumanien, Ungarn und die Tschechoslowakei besaBen uber kurzere oder langere Zeit Teile des Landes, bis schlieBlich 1945 alles der Sowjetunion Auf jeden Fall lebte das Mehrheits-der Ukrainer (im altosterreichischen Sprachgebrauch Ruthenen geheiBen) jahrhundertelang unter wechselnder Fremdherrschaft. Dementsprechend ist auch das Wirrwarr in der Schreibung der Ortsnamen. Nach den divergierenden Ortsnamen aller obengenannten Staaten werden nunmehr die durch die Russifizierungspolitik (in der sich Zarentum und Sowjetmacht nicht unterschieden) vorhandene Namen durch die einheimischen ukrainischen ersetzt. Von beiden - noch dazu in einem leicht voneinander abweichenden Kyrillisch geschriebenen - Formen geistern zudem nicht immer ganz korrekte deutsche oder englische Transkriptionen durch die Literatur. Nachdem sich der GroBteil der Leserschaft nicht in derartige Feinheiten wird vertiefen wollen, hat der Verfasser es aufgegeben, eine konsequent einheitliche Linie zu verfolgen und bittet die paar Puristen um Nachsicht. Ubrigens wiesen die uns bereitgestellten Fahrplanunterlagen noch immer die russischen Namen auf, wahrend auf den Stationsschildern schon die ukrainischen prangten! Das ukrainische Bahnnetz weist eine Lange von rund 22000 km auf, wovon 37 % elektrifizien sind - etwa je zur 3 kV= und 25 kV/50 Hz ~ als dem neueren System. Seit 1945 ist uberall die russischen Standardspurweite von 1524 mm (abge-sehen von einigen Schmalspurbahnen in 750 mm) die Norm, wahrend der Westen des Landes ursprunglich normalspurig war. In beiden Weltkriegen wurde immer wieder umgespurt, je nach Kriegsgluck wobei dieses schone Wort in diametralem Gegensatz zu dem steht, was die Bevolkerung einer der vom Krieg meist betroffenen Regionen Europas dabei erdulden mubte. Ubrigens sieht man an so manchem Bruckenbauwerk noch heute die Spuren "grober" Als skurriles Relikt aus der Ara, da eine miBtrauische Diktatur uberall den Klassen-feind witterte, werden bis heute groBere Brucken streng bewacht. Einmal waren wir fast um eine sehr schone Aufnahme gekommen. Der Wachter hatte kein Exemplar der jeweils notigen Einzelgenehmigung erhalten. Glucklicherweise war der Zustandige im Ministerium telefonisch erreich-bar und konnte ihm bestatigen, daB das Schreiben in der Hand der Reiseleiterin echt war. Das Bahnnetz wurde im Osten im wesentlichen vom zaristischen RuBland wahrend im Westen zunachst Privatbahnen wie die Carl-Ludwig-Bahn (CLB) und die Lemberg - Cernowitz - Lassy - Eisenbahn (LCJE) sowie spater die KkStB den Bahnbau betrieben. Ungarn schlieBlich errichtete die Strecken an der Sudseite der Karpaten, die damals die Grenze zwischen beiden Reichshalften bildeten.


Auch heute noch labt sich anhand der vielfach noch gut erhaltenen Stationsgebaude die Historie nachvollziehen, und steht man vor einem Gebaude, auf dem die Aufschrift genausogut "Angertal", "Weizels-dorf", oder "Windischgarsten" lauten konnte, weib man, hier hat die KkStB zur selben Zeit gebaut wie an den Linien des Alpenbahn - Programms.

Der Dampfbetrieb wurde in der damaligen Sowjetunion schon vergleichsweise fruh beendet, vor allem gegenuber den Satellitenstaaten. Nach der Einstellung des Dampflokbaues 1956 ging es schon in den sechziger und siebziger Jahren rapide bergab wir erinnern uns ja auch, dab zahlreiche 52er an die "Bruderlander" ab-gestoben wurden. Im Dienste der GySEV waren diese an den kleinen Rauchkammer-turen erkennbaren Lokomotiven auch in Osterreich anzutreffen. Nach 1980 spielte der Dampf keine statistisch relevante Rolle mehr, ein paar Verschubeinsatze sind nur noch als Kuriosa zu vermerken. Dennoch uberlebte eine betrachtliche Zahl an Dampfrossern, die bis auf die 52er ex Reichsbahn, Type TE, die wir bei beiden Reisen leider nicht zu Gesicht bekamen, und die als Hilfslieferung aus den USA gekommenen Jea samtlich sowjetischer Herkunft sind (j + e ist im Kyrillischen ein Buchstabe). Durch den traditionellen Bau von wenigen Standardtypen in jeweils groben Mengen ging es den Splittergattungen rasch an den Kragen. Von den ehemaligen osterreichischen Loks, die in beiden Kriegen als Beute oder im Gefolge des Zweiten Weltkrieges durch Gebietsabtretungen der angrenzenden Lander in russische Hande fielen, uberlebte keine. Eine Kurzinformation uber die bei diesen Fahrten eingesetzten Loktypen ist bei den Bildbeschreibungen zu finden. Dazu stoberte ich nach Jahren wieder in dem Buch "Breite Spur auf weiten Strecken" von Josef Otto Slezak (Transpress, Berlin 1963). Dabei stieb ich auf die Tatsache, dab - es herrschte ja der Kalte Krieg - die Existenz von nicht weniger als 2000 Stuck Jea, einer Hilfslieferung aus den USA 1944 - 47, glatt verschwiegen wurde.




Ich mochte an dieser Stelle etwas einflechten: Man tut dem 2002 verstorbenen groben osterreichischen Eisenbahn-freund und spateren verdienten Buchverleger gewilb unrecht, wenn man ihn aufgrund dieser Veroffentlichung wie manchmal geschehen als unkritischen Sympathisanten eines der schlimmsten Terrorregime der Menschheitsgeschichte darstellt. Es ist offenkundig, dab zahlreiche Formulierungen vom linientreuen ostberliner Lektorat hineinreklamiert wurden, unser Josef Otto kann so etwas nicht verfabt haben! Gewib hegte er Bewunderung fur ein Land, in dem die Eisenbahn einen Stellenwert besab wie sonst nirgends auf der Welt, wie auch heute viele integere Menschen geneigt sind, uber positive Aspekte die imperialistischen Alluren der einzigen verbliebenen Supermacht zu verniedlichen.

Die "Perestroika" unter Gorbatschow ermoglichte es, dab sich 1988 in Kiew ein beachtenswertes Privatunternehmen etablierte. Die Firma Dzherelo erwarb eine Reihe von Waggons und formierte daraus einen Hotelzug. Zugleich gelang es, in Zusammenarbeit mit der Ukrainischen Bahnverwaltung UZ eine Reihe von Dampfloks betriebsfahig zu machen oder zu erhalten. Mit den uber das Land vorteilhaft stationierten Maschinen konnen nun Sonderfahrten veranstaltet werden. Ubrigens wird der Zug nicht nur an Eisenbahnfreunde, sondern auch anderweitig vermietet. Zwar ist der Wohnkomfort spartanisch, auch wenn die Schlafwagenabteile nur mit zwei Personen belegt werden, dafur ist man von der sehr dunn gesaten Hotellerie unabhangig, erspart sich das tagliche Ubersiedeln, wie auch der lange Weg durch meist eintonige Landschaft -etwa von einer Stadtbesichtigung zur nachsten - zeitsparend in der Nacht zuruckgelegt werden kann. Hervorragend ist auf jeden Fall die Verpflegung im Speisewagen. Uberreichlich ist die Ausstattung mit Personal, das ruhrend um das Wohl der Fahrgaste bemuht ist. 1:1 ist etwa das Verhaltnis, wie auf einem Kreuzfahrtschiff, was naturlich nur "dank" der extrem niedrigen Lohne moglich ist. Neben Kuchen- und Servicepersonal hat nach alter Tradition jeder Liege- und Schlafwagen eine(n) eigene(n) Betreuer(in), der/die unter anderem den Kohlenofen fur die autarke Warmwasserheizung betreut. Ferner gibt es drei Musikanten, einen Arzt und - nicht ganz unwichtig - zwei Sicherheitsleute, die nicht nur lichtscheues Gesindel vom Zug fern-halten, sondern auch bei den Fotopunkten assistieren. Diese werden im Einvernehmen mit der jeweiligen Reiseleitung sehr pro-fessionell und umsichtig abgewickelt, wobei zumeist wirklich gute Fotostellen gewahlt werden.


Die Fahrten fur Eisenbahnfreunde haben ihren Schwerpunkt im Westen, well dort in dem sonst sehr flachen Land immerhin einige passable Hugelland-abschnitte und in den Karpaten sogar richtige Gebirgsstrecken zu finden sind. Fur den Osterreicher halt diese Region zudem noch allerhand an k. k. Reminiszenzen bereit. Nachdem ich schon 1999 an einer Reise zu diversen, allesamt leider dahin-siechenden Schmalspurbahnen teilgenommen hatte, bei der der Hotelzug nur zur Reise von Ziel zu Ziel diente, ergab sich danach die Gelegenheit, an zwei Winter-Dampfzugfahrten 2001 und 2003 teilzunehmen, beide ubrigens von jenem englischen Reiseveranstalter organisiert, der im letzten Jahr auch eine bemerkenswerte Osterreichreise unternommen hat (siehe Heft 7/2002). Wie ublich begannen und endeten beide Reisen in Kiew, wohin man begreif-licherweise nur mit dem Flugzeug gelangt. Zwar ist Kiew von Wien kaum weiter weg als Paris, doch dauert die Reise rund doppelt so lange. Nach Abfahrt in Wien um 21 Uhr und einem dreistundigen Aufenthalt in Tschop (der weniger dem Dreh-gestelltausch als der Burokratie der Grenzer zuzuschreiben ist) wird man schlieblich um 5 Uhr morgens des ubernachsten Tages in Kiew aus dem warmen Bett geworfen. Als Eisenbahninteressierter habe ich mich ein-mal dieser Tortur unterworfen, wobei immerhin die Fahrt uber den Karpatenpab von Beskid bei traumhaftem Wetter und Blick auf fast 2000 m hohe Berge die Muhsal nicht ganz nutzlos erscheinen lieb. Als wir am 24. 2. 2001 des Dzherelo-Zuges ansichtig wurden, gab es gleich einen gewaltigen Schrecken. Der Zug erstrahlte statt im traditionellen Grun in Blau mit gelbem Fensterband ent-sprechend den Nationalfarben der Ukraine. Dies sei, wie es hieb, im Sinne der Selbst-findung der nun unabhangigen Nation der Bahn von allerhochster Stelle verordnet worden. Dagegen war naturlich nichts mehr auszurichten. Als Reaktion darauf wurden, um moglichst authentische Bilder zu er-zielen, bei der zweiten Reise vornehmlich Guterzuge bestellt, wobei jeweils am Zug-schlub ein noch gruner Begleitwagen mit-lief. Nebstbei - wie zum Hohn - ist auch heute noch ein Gutteil der Regelzuge mit grunen Wagen unterwegs. Doch lassen wir nun die Bilder sprechen. Wie man sieht, gibt es in dem weitlaufigen, dunn besiedelten Land ausreichend Gelegenheiten, die Atmo-spha're des Dampfzeitalters ungestort von den Beigaben der Gegenwart wieder auf-leben zu lassen. Fur Interessenten an solchen Fahrten mogen nachfolgende Angaben dienen: Dzherelo Business Cooperation, Yamskaya 8, Kiev 03038, Ukraine, tel. (044)269-5013, Fax: (044)269-5073. e-mail: dzherelo@ua.fm, www.dzherelo.com.ua.
Bilder: Oben: Mit phanomenaler Rauchentwicklung beschleunigt am 23. 2. 2003 bei Dukla (an der Stichbahn Zjatkowtsi - Hajworon) die FD 20-2714 einen ihrer Zugkraft nicht ganz adaquaten Fotoguterzug. Mittelbild: Knapp unterhalb der Scheitel-station Woronienka (833 m, Wasserscheide zwischen Pruth und Theib), auf der oster-reichischen Nordrampe, uberquereti Em 735-72 und Er 797-86 den Paradczyn-Viadukt. Ihn und weiteres Interessantes uber die Karpaten-strecke findet man in dem Monumentalwerk »Geschichte der Eisenbahnen der Ost.-Ung. Monarchie«, Band I, Theil 2, Seite 407 ff. beziehungsweise Band II, Seite 271 - 272. Links sieht man das Hauschen eines Bruk-kenwarters (siehe Textteil). Die ab 1912 ge-baute Typenreihe E mit ihren zahlreichen Varianten ist mit rund 11000 Exemplaren die weltweit meistgebaute Dampflok. Die Em entstanden 1931 - 1935, wahrend die Letzt-version Er 1947 - 1955 im Rahmen von "Lowenvertragen" auch von den Ostblock-landern geliefert wurde. Die abgebildete Lok ist ein Erzeugnis der budapester Mavag (m steht fur modernisiert, r fur revidiert).
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